Ludwig Steinherr: Alpenüberquerung

Das Lyrik Kabinett feierte den 55. Geburtstag des Dichters Ludwig Steinherr – und zugleich die Buchpremiere seines Bandes Alpenüberquerung (Allitera 2016).

Der Saal der Lyrik-Bibliothek füllte sich an dem Abend früh. Offenbar hatte die Münchner Leserschaft diese Lesung freudvoll erwartet. (Aus Regensburg war eigens für diesen Abend der Philosoph Vittorio Hösle angereist, Dozent an der University of Notre Dame in Indiana, USA). Das Lyrik Kabinett feierte den 55. Geburtstag des Dichters Ludwig Steinherr – und zugleich die Buchpremiere seines Bandes Alpenüberquerung (Allitera 2016). Der junge deutsch-amerikanische Dichter und Übersetzer Paul-Henri Campbell – ein enger Freund Steinherrs, der auch dessen Band Ganz Ohr (2012) ins Englische übertragen hat – hatte Einführung und Moderation übernommen und leitete das Publikum (ca. 80 Personen) mit geschliffen formulierten Überlegungen zu dessen Oeuvre in den Abend hinein. Campbell betonte Steinherrs staunenswerte Produktivität und charakterisierte die Innovation der Alpenüberquerung dahingehend, dass das Autobiographische darin eine vorher nicht gekannte Wucht gewinne; die Gedichte seien zugleich intimer und olympischer als in früheren Werkphasen. Die anschließende Lesung schlug dann einen sehr suggestiven und konzentrierten Bogen vom Eröffnungsgedicht des Bandes bis hin zu dem bewegenden Schluss-Zyklus über das Sterben der Mutter des Dichters. Zwei in die Lesung eingewobene Gespräche eröffneten fruchtbare Einblicke in das Schreiben Steinherrs, der sich sonst kaum je metapoetisch äußert: Sie zeigten unter anderem seine Perspektivierung von Kunst als „experimentelle Metaphysik“ und moment- und konkretionsgebundene Erkenntnis oder die Bedeutung der Begegnungen im Alltag für sein Schreiben (wie sie sich v.a. in den Gedichten an seine Familie spiegeln) etc. Das Publikum dankte dem Dichter für den reichhaltigen, existentiell eindrücklichen und zugleich kurzweiligen und immer wieder heiteren Abend mit emphatischem Applaus.

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